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Deutsche Schulpflicht adé – Ganzheitliche Schule in Österreich

2. Dezember 2017

Schule und Schulpflicht in Deutschland

Einer der vielen Gründe, warum wir uns dazu entschieden haben Deutschland zu verlassen, war das dortige Schulsystem mit der verbundenen Schulpflicht. Unsere Tochter hatte in diesem Jahr im Sommer das sog. schulpflichtige Alter erreicht und hätte in eine ortsansässige Grundschule eingeschult werden müssen. Alternativen gab es kaum und die Montessori-Privatschule des Nachbarortes hatte mehr Bewerber als freie Plätze.

Da wir uns seit der Geburt unseres Kindes sehr viel mit dem deutschen Schulsystem, der Schulpflicht und unserer eigenen Schulzeit auseinandersetzten, kam für uns eine Einschulung in die Grundschule des Wohnortes nicht in Frage und wir hatten seit längerem beschlossen, spätestens im Sommer dieses Jahres nach Österreich zu gehen, da hier keine Schulpflicht, sondern Bildungspflicht besteht und auch Homeschooling erlaubt ist.

Schlechte Erfahrungen mit dem dt. Schulsystem schon vor der Einschulung

Ich füllte daher die Bögen für die Schulanmeldung, die im Januar im Kindergarten ausgegeben wurden, nicht aus und wir ließen auch keine Schuleingangsuntersuchung vornehmen. Bereits Anfang April hätten wir unsere Tochter in der Grundschule vorstellen und einschreiben müssen. Auch hier haben wir den Termin nicht wahrgenommen, da der erste Schultag erst im September war und es feststand, dass wir Deutschland bis spätestens Juni verlassen werden. Ich teilte in einer Mail dem Sekretariat der ortsansässigen Grundschule mit, dass wir zeitnah auswandern werden. Zurück kam ein bitterböses und unverschämtes Schreiben, dass wir das Kind gefälligst laut Paragraph xy an der zugehörigen Sprengelschule anzumelden hätten. Wenn ich nicht bis Mai unsere Abmeldebestätigung vorlegen würde, würden sie den Fall der „übergeordneten Behörde übergeben“.

Wir waren über die Art und Weise der Kommunikation seitens der Sekretärin entsetzt, aber gleichzeitig auch froh, unser Kind nicht an diese lieblose Schule schicken zu müssen.

Schon Anfang Mai erhielten wir Post von der kommunalen Schulverwaltung in Freising, dass wir noch gemeldet seien und laut „Gesetz“ das Kind in der Grundschule unseres Ortes anmelden müssten. Gleichzeitig kam ein Brief vom Gesundheitsamt, wir müssten unsere Tochter zur Schuleingangsuntersuchung vorstellen. Beides ignorierten wir. Bis Ende Mai kamen noch weitere Mahnungen und seitens der Schulverwaltung sogar die Androhung eines Bußgeldes, wenn wir nicht bis 1. Juni die Schulanmeldung vorgenommen hätten.

Wir meldeten uns schließlich zum 31.5. ab und verließen Deutschland schon früher. Nach der Übersendung der Abmeldebestätigung gab der deutsche Schul-Dämon Ruhe und ich frage mich, ob es bei diesem ganzen Theater wirklich um das angebliche Wohl des Kindes geht oder nur um die starre Einhaltung von veralteten Vorschriften und Paragraphen.

Das Schulsystem in Österreich

In Österreich interessierte sich aufgrund der langen Sommer-Ferien zunächst niemand für uns. Ich sendete eine Mail an die Direktorin der Grundschule unseres neuen Wohnortes, wo ich mitteilte, dass wir Homeschooling machen wollten, wir unsere Tochter und uns aber dennoch gerne persönlich vorstellen möchten. Der Antrag auf Homeschooling muss laut Gesetz in Österreich genehmigt werden und die Abschluss- Prüfungen müssen bei zu Hause unterrichteten Kindern am Jahresende extern an einer öffentlichen Schule erfolgen. Eine Rückmeldung auf meine Mail bekam ich nicht und so warteten wir ab, ob wir seitens der Schulverwaltung angeschrieben werden.

Unterdessen unterrichteten wir unsere Tochter zu Hause und sie begann bereits große Fortschritte beim Lesen und Schreiben zu machen. Durch Zufall wurden wir im September dann auf eine Privatschule für ganzheitliches Lernen aufmerksam, die Kolibri Schule in Welten.

Wir waren sofort begeistert. Allerdings hieß es beim ersten Telefonat, dass sie “eigentlich voll sind und kein Kind mehr aufnehmen”. Wir durften trotzdem zum zweistündigen Elterngespräch, danach noch einen Vormittag zur Eltern-Hospitation und unsere Tochter hatte einen Probe-Tag. Schließlich kam das ok und seit dem 17.10.2017 ist sie jetzt ein ganz stolzes Kolibri-Schulkind.

Die Kolibri – Schule

Von Beginn an wurde seitens der Schule sehr viel Wert daraufgelegt, dass wir einen guten Einblick in den täglichen Ablauf und die pädagogische Arbeit bekommen. Die Eltern-Hospitation vor Annahme des Kindes ist an der Kolibri Pflicht. In Deutschland wäre so etwas auch an vielen Privatschulen undenkbar.

Die Kolibri Schule ist aus einer Elterninitiative heraus entstanden und besitzt das sog. Öffentlichkeitsrecht, dies bedeutet, dass Noten gegeben werden dürfen und die Schule auch ins Schulbusnetz eingebunden ist.

Die Schulzeit ist von 8- 12:30 Uhr mit einer 40-minütigen Pause dazwischen. Unterrichtet wird überwiegend nach Maria Montessori, auf Hausaufgaben und Notenvergabe wird verzichtet. Die Lehrer werden mit Vornamen angeredet und alles ist sehr familiär.

Wir waren bei unserer Hospitation sehr berührt über den liebevollen und angenehmen Umgang miteinander. In der untersten Klasse lernen Schüler von der 1.-3./4. Klasse gemeinsam und dementsprechend unterschiedlich sind die verwendeten Materialien und Aufgaben, mit denen die einzelnen Kinder sich beschäftigen. Hier verlangt es eine große Konzentration seitens der Pädagogen, sich rasch auf die jeweiligen Fragen der Kinder einzustellen und ihnen bei Bedarf zu helfen, da nicht jedes Kind wie beim üblichen Frontalunterricht das Gleiche macht.

In Deutschland werden heute noch viele Montessori-Einrichtungen und auch Montessori-Pädagogen zu Unrecht belächelt. Ich kann dies in keiner Weise nachvollziehen, da die Montessori-Pädagogik eine viel größere Leistung vom Lehrer erfordert als der normale Unterricht, wo kaum individuell auf die Kinder eingegangen wird.

Keine Hausaufgaben und gemischte Alterstufen

Eine große Entlastung für das Familienleben ist der Verzicht auf Hausaufgaben. Ich war entsetzt als ich von den Kindergartenfreundinnen meiner Tochter hörte, was diese in Deutschland bereits kurz nach der Einschulung für Hausaufgaben machen mussten. Werden die Hausaufgaben nicht im Hort geschafft, müssen die Eltern diese abends noch mit den Kindern erledigen. Einige Schule vergeben sogar zusätzlich „Elternhausaufgaben“. Dies alles erzeugt Stress im Familienleben und die meist ohnehin schon stark reduzierte gemeinsame Zeit wird für Eltern und Kinder weiter belastet.

Auch hatte es mich immer wieder sehr erschüttert, Schulanfänger gebeugt ihre viel zu schweren Ranzen schleppen zu sehen. Weil in der Kolibri alle Unterrichts-Materialien in der Schule vorhanden sind und auch Federmappe und Hefte dort bleiben, muss nur die Brotzeit mitgebracht werden. Außerdem hat jeder Schüler einen eigenen kleinen Bereich für die Garderobe und das Turnzeug.

Da unterschiedliche Altersstufen zusammen in einer Klasse sind, lernen v.a. die jüngeren Kinder durch das Beobachten der älteren sehr viel. Nachdem sie gesehen hat, wie ein größeres Mädchen kleine Tier-Geschichten schreibt und ein Bild dazu malt, wollte unsere Tochter das auch unbedingt machen. Mittlerweile schreibt sie auch zu Hause viele solcher Geschichten, wobei sie sich entweder selbstständig Natur-Bücher sucht und einige Sätze zu einem bestimmten Tier mit Füller oder anderen Stiften abschreibt oder sie sich selbst etwas ausdenkt und das so schreibt, wie sie das jeweilige Wort wahrnimmt. Teilweise sind wir völlig perplex, weil wir ihr Geschriebenes wirklich lesen können und bereits sehr viele Wörter von ihr korrekt geschrieben sind. Auch kann sie zunehmend mehr Wörter fließend lesen.

Vor allem aber ist sie wahnsinnig begeistert und besucht die Schule mit großer Freude. Hier wird nicht darauf geachtet, was sie noch nicht kann oder unbedingt bis zum Ende eines jeden Schulhalbjahres laut festgesetztem Lehrplan können muss, sondern wo ihre Talente und Stärken liegen und was ihr gerade am meisten Spaß macht. Daher ist sie hochmotiviert und kreativ.

Gleichzeitig achten die Lehrer aber darauf, dass die Kinder sich mit allen Bereichen beschäftigen und hier Lernfortschritte erzielen. Sollte z.B. ein Kind über viele Wochen das Rechnen und den Umgang mit mathematischen Materialien verweigern, wird überlegt, warum dies so ist und wie der äußere Rahmen so gestaltet werden kann, dass sich das Kind mehr der Mathematik zuwendet.

Die Aussage, Kinder würden auf solchen „alternativen“ Schulen nichts lernen, kann ich nicht verstehen. Ganz im Gegenteil, ich habe die Erfahrung gemacht, dass sie viel schneller und vor allem nachhaltiger lernen und sie die Fähigkeit erwerben, sich Wissen selbst anzueignen und zu erarbeiten.

Projekte und achtsames Miteinander

Besonders schön finden wir auch die unterschiedlichen Projektangebote, die teilweise auch von Eltern realisiert werden. In den 6 Wochen, in denen unsere Tochter gerade erst die Schule besucht, hat sie schon mehr gemacht, als wir diesbezüglich in 12 Schuljahren: Frischen Apfelsaft Pressen, Waldtag, Kastanien-Grillen, Adventskranz binden, eigene Kerzen rollen, Seife und Badekugeln selbst herstellen, Kinder-Yoga, Filzengel gestalten und Plätzchen backen. Vor Weihnachten findet noch das kleine Weihnachtsfest mit Wichteln statt. Alles innerhalb der regulären Schulzeit.

Die Lehrer begegnen den Kindern auf Augenhöhe und werden von diesen als freundschaftliche Begleiter angesehen. Umarmungen und tröstende Worte sind hier selbstverständlich. Großen Wert wird auf das gemeinschaftliche Miteinander gelegt, wo die Bedürfnisse des anderen wahrgenommen und geachtet werden. Kein Kind oder Jugendlicher wird hier ausgegrenzt, weil er nicht nach der neusten Mode angezogen ist oder keinen Markenrucksack hat.

An den meisten Schulen werden zwar Projekte zur „Gemeinschaftsförderung“ und „Respekt gegenüber anderen“ beworben oder Ausstellungen hierzu organisiert, gelebt im Schulalltag wird davon meist nichts. Im schlimmsten Fall werden die Lehrer als nervige Belastung oder persönlichen Feind angesehen und auch der Umgang der Schüler innerhalb der Klasse ist eher von Hänseleien und Verständnislosigkeit geprägt. Daran sind allerdings weder die Schüler noch die Lehrer Schuld, sondern ein System, das starr auf Gleichmacherei, veralteten Lehrplänen und Notengebung beharrt.

In einem solchen System bin ich groß geworden und sehe nun bei meiner Tochter, dass es auch anders und für alle Beteiligten viel besser funktionieren kann. Wo sich Lehrer und Schüler freuen in die Schule zu gehen und Lernen wirklich Spaß macht und auch der Sinn dahinter vermittelt wird.

Elterninitiative und Fazit

Für uns als Familie ist es ein großes Geschenk, die Kolibri Schule gefunden zu haben. Aber auch diese Schule ist nur entstanden, weil Eltern nach neuen Möglichkeiten suchten, eine Initiative gründeten und für das Öffentlichkeitsrecht kämpften.

Viele Kinder und Eltern resignieren schon nach kurzer Zeit und fügen sich nach der Einschulung stillschweigend. Eine Kindergartenfreundin meiner Tochter erzählte mir letztes Jahr als sie in die erste Klasse kam, dass zwei Kinder noch einige Wochen nach dem ersten Schultag manchmal weinend im Unterricht säßen. Die Lehrerin hätte daraufhin gesagt: „Hört auf, oder wollt ihr zum Direktor?!“ Die Lieb- und Empathielosigkeit findet sich hier anscheinend nicht nur im Sekretariat…

Was bin ich willens als Elternteil zu erdulden, nur weil alle anderen es auch tun? Wo traue ich mich nicht, einmal öffentlich die Missstände deutlich anzusprechen und konsequent Lehrer oder Direktor-Gespräche einzufordern und eine Elterninitiative zu gründen? Und wo traue ich mich als engagierter Lehrer nicht, neues auch gegen den Widerstand der alten Kollegen auszuprobieren?

Manchmal sind es schon kleine Dinge, die auch an Schulen des alten Schulsystems viel Positives für die Kinder bewirken könnten. Dies setzt jedoch neben der Bereitschaft der Lehrer neue Ansätze zuzulassen, v.a. auch die Bereitschaft der Eltern voraus, sich aktiv und kritisch zu beteiligen. Beides war bisher meist unerwünscht. Und so müssen auch Lehrer und Eltern wieder lernen, mehr Selbstverantwortung für die Kinder und die Art des Unterrichts zu übernehmen und sich nicht von einem erstarrten System gleichschalten zu lassen.

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4 Kommentare

  • Antworten Carola 4. Dezember 2017 um 09:06 Uhr

    WOW, was für eine Freude es ist deinen Artikel zu lesen, liebe Katharina!! Großer Respekt, dass eure Familie den Weg der Eigenverantwortung geht und konsequent, zum Wohle aller, die für euch beste Entscheidung getroffen hat! Es macht Mut von solchen wunderbaren Beispielen zu hören, dass Lernen in der geeigneten Umgebung und in der Begleitung von verständnisvollen und respektvollen Erwachsenen den Kindern so viel Spaß macht 😉 JA, es ist möglich, wenn immer mehr Eltern und auch Lehrer nicht mehr mitmachen beim System, dann werden wir auch definitiv eine bessere Welt haben! Danke fürs Teilen und alles Liebe für euch, Carola Paulsen

  • Antworten Karsten Gronau 3. Dezember 2017 um 20:56 Uhr

    Liebe Katharina,
    danke für die tolle Info. Wie schön, daß Dein Kind glücklich lernen darf. Ich lebe seit 30 Jahren mit einer Lehrerin zusammen und weiß wie schwer sich das “Bildungssystem” mit Veränderungen tut. Schon bei meinem Vorschlag die Kinder/Jugendlichen mal zu fragen was sie lernen wollen, ernte ich einen verständnislosen Blick. Bei Problemen wird nie das System hinterfragt, die Schüler sind halt problematisch.
    Herzliche Grüße Karsten

  • Antworten Kerstin A. 3. Dezember 2017 um 02:11 Uhr

    Interessanter Artikel – dankeschön! LG Kerstin

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