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Schein statt Sein – von gekauften Likes, Abonnenten und vorgetäuschten Webinaren

30. Januar 2017

Früher konnte ich mit Facebook und „Social Media“ nicht viel anfangen. Dies änderte sich jedoch als ich mich entschloss, auch beruflich neue Wege zu gehen. Zunächst war ich völlig geblendet und fasziniert.  „Ein Online-Kongress mit über 2000 Likes? – Der muss gut sein. Ein Youtube-Kanal mit über 900 Abonnenten? – Der hat bestimmt tolle Inhalte.“ Aber oft war es dann doch nicht das, was ich mir erhofft hatte: Angebliche Experten, deren Interviews eher ein seichtes Dahingerede waren und Youtube-Videos, die mich völlig verwirrt zurückließen. Damals dachte ich mir „Ok. Ich bin die falsche Zielgruppe und habe einfach einen anderen Geschmack. Der oder die sind sicher trotzdem gut, schließlich haben sie tausende Likes und Abonnenten.“ Heute weiß ich es besser. Neben vielen Facebook-Seiten die wirklich eine sehr hohe Anzahl an „Gefällt mir“-Angaben haben, gibt es zunehmend mehr, wo ein wenig „nachgeholfen“ wurde – ebenso bei den Youtube-Kanälen.

 

Gekaufte Likes und Abonnenten

Mittlerweile gibt es genügend Anbieter, deren gesamte Dienstleistungen darauf ausgerichtet sind, für ihre Kunden eine „Scheinwelt“ in den sozialen Netzwerken zu errichten. Alles ist käuflich (teilweise sogar relativ günstig): Seiten- und Beitragslikes, Abonnenten, Kommentare, das Teilen der Beiträge, Video-Views und sogar Gruppenmitglieder.

Hier sollen eine große Beliebtheit und ein großer Bekanntheitsgrad vorgegaukelt werden, die in der Realität überhaupt nicht existieren. Meist spielt dabei die Angst, nicht gut genug zu sein (bzw. es aus sich selbst heraus nicht zu schaffen), eine große Rolle – gepaart mit den Versprechungen und Suggestionen, dass sich der eigene Erfolg rasend schnell durch diese Manipulation einstellen würde. Ein absoluter Trugschluss.

Heute werde ich immer stutzig, wenn ich z.B. auf Youtube-Kanäle mit über 1000 Abonnenten aufmerksam werde, wo relativ wenig Videos gepostet wurden. Aufgrund meiner Wahrnehmung erhalte ich dann sehr schnell die Information, dass hiervon viele Abonnenten „gekauft“ wurden. Meist sogar 90%. Absoluter Spitzenreiter war bis jetzt ein Kanal, bei dem 7000 Abonnenten nicht auf regulärem Weg entstanden waren. Ebenso entdeckte ich erst vor kurzem eine Facebook-Seite, wo 10.000 Likes käuflich erworben wurden.

 

Vorgetäuschte Webinare

Teilweise kriminelle Ausmaße nimmt das ganze jedoch an, wenn standardisierte Aufzeichnungen als „Live-Webinare“ verkauft werden. Anbieter wie „Webinaris“ ermöglichen es, ein Webinar hochzuladen und dieses dann automatisiert an vielen verschiedenen Terminen zu senden. Ich selbst finde diese Idee gut und habe darüber auch eine Präsentation gestaltet, ABER ich täusche nichts vor und belüge die Menschen auch nicht, indem ich so tue als ob ich immer „live“ anwesend wäre.

So bietet Webinaris z.B. an, dass der Chat komplett vorprogrammiert werden kann und fiktive Personen auf der Liste der Teilnehmer eingeblendet werden können.  Vor kurzem habe ich mir ein solches „Live-Webinar“ angesehen, welches täglich angeboten wurde. Die Dreistigkeit und die Lieblosigkeit von Moderator und Präsentation entsetzten mich. Von den angeblich über 240 Teilnehmern waren nur 20-30 real. Das gesamte Webinar war eine vorher exakt durchgespielte Aufzeichnung. Zunächst auffällig war die Taktik zu Beginn zu sagen, es seien zu viele Menschen da und man könne gar nicht auf alle Fragen eingehen – wer eine Frage habe, möge doch bitte eine Mail schreiben. Verständlich, da in einer automatisierten Abspielung der Moderator nämlich gar nicht wirklich anwesend ist und folglich noch nicht einmal eine einzige Frage im Chat beantworten könnte (Webinaris bietet jedoch auch hier die Möglichkeit, sich eine Mail zusenden zu lassen, falls doch ein „realer Teilnehmer“ etwas schreibt). Während mein eigener Kommentar sofort im Chat zwischen den selbstprogrammierten Kommentaren der „anderen Teilnehmer“ erschien, lief die Chatleiste bereits nach kurzer Zeit zum Inhalt des Webinares nicht mehr synchron. Auf die Frage des Moderators „Wer will Veränderung? Gebt mir ein JA!“ kamen die voreingestellten Ja-Antworten mit 30 Sekunden Verzögerung.  Später wurde wieder eine Frage gestellt, die die Leute mit Ja beantworten sollten. „Sehr gut, ihr seid so spitze. Ich sehe schon dreimal Ja. Leon, Sandra, Marlene klasse!“ Dummerweise kamen diese „Live-Antworten“ auch wieder mit einer halben Minute Verspätung – die angeblichen „Ja!“ konnte er also gar nicht sehen, wo er sie „live vorlas“.

Wie bei den gekauften Likes und Abonnenten werden auch bei solchen Webinaren ein Bekanntheitsgrad und ein angeblicher Erfolg suggeriert, die real nicht vorhanden sind.

Etwas, was noch zu bedenken wäre: Ein solches Live-Webinar vorzutäuschen und mit fiktiven Teilnehmern und vorprogrammierten Chat-Nachrichten auszuschmücken („Das Webinar ist so toll.“ „Klasse erklärt.“ „Das Produkt werde ich mir holen!“), um damit am Ende ein Produkt besser durch diese Manipulation verkaufen zu können, erfüllt in meinen Augen den Tatbestand von bewusster Täuschung und Betrug.

Jeder sollte hier für sich selbst überlegen, ob er diesen Weg wirklich gehen möchte und welche Resonanzen ein solches Vorgehen erzeugt.

 

Fazit

Gerade wenn ich neu in den sozialen Medien bin und bekannter werden möchte, ist die Versuchung groß, zu solchen „Verschönerungs-Mitteln“ zu greifen. Nachhaltig sind diese jedoch nicht. Und wirklicher Erfolg kommt nicht über Nacht, sondern möchte erarbeitet werden. Und zwar von dem Punkt aus wo ich stehe – auch wenn das bedeutet, mit sehr wenigen Likes und Abonnenten zu beginnen.

Ebenso fällt es auch immer mehr Nutzern auf. Bei einer Facebook-Seite mit angeblich über 8000 Likes, wo fast jeder zweite Beitrag ohne eine einzige Interaktion bleibt und auch die anderen Beiträge maximal 15 „Gefällt mir“-Angaben erzeugen, kann etwas nicht stimmen.

Nicht immer ist der vermeintlich einfachere und auf dem goldenen Tablett präsentierte Weg der richtige. Und allzu oft kann eine solch schnell erzeugte Scheinwelt auch wieder genauso schnell platzen wie eine Seifenblase.

 

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