Gesellschaft Gesundheit

(Schlechtes) Essen aus Gewohnheit

1. November 2016

Vor einigen Tagen wurde ich auf ein interessantes Phänomen aufmerksam, über das ich mir bis dahin kaum Gedanken gemacht hatte.

Beim Frühstückstisch kamen mir in Gedanken die Fragen: „Warum willst du jetzt essen? Weil alle anderen es tun? Oder weil du Hunger hast?“ Und ich erkannte zum ersten Mal, dass ich eigentlich nicht essen wollte, weil ich wirklich Hunger hatte, sondern aus Gewohnheit.

Es ist für mich Gewohnheit, mehrere Mahlzeiten zu essen. Es ist Gewohnheit, frühs nach dem Aufstehen gleich etwas essen zu „müssen“.

Wenn in meiner Kindheit und jungen Erwachsenenzeit Fest- oder Geburtstage waren, drehte sich meistens alles nur ums Essen. Das eigentliche Fest oder die Person traten zunehmend in den Hintergrund. Vor allem in den letzten Jahren/Jahrzehnten nahm dies in meiner Verwandschaft immer größere Ausmaße an. Die meiste Lebenszeit wurde nur „genutzt“ um Essen zu planen, Menüs für Besuche zu erstellen, zu kochen, abzuwaschen und am nächsten Wochenende stand meist schon der nächste Besuch vor der Tür. Geburtstage, an denen ein Mittag-Kuchen-Abendbrot-Alkohol-Abendsnack-Marathon stattfand und alle (sogar die Gäste) mehr gestresst nach Hause gingen und der Gastgeber erst einmal Urlaub gebraucht hätte.

Irgendwann wurde das Essen zum Hauptzweck solcher Zusammenkünfte – und nicht mehr die Gemeinschaft.

 

Essen aus Gewohnheit, Essen aus Höflichkeit und zunehmend mehr als Ersatzbefriedigung

 

Oft kam ich von der Schule und hatte großen Heißhunger nach einem Schockoladenriegel – meist aß ich dann die ganze Packung. Es war wie ein Rausch (dick wurde ich glücklicherweise aber nie). Ein Rausch, der mir kurzfristige Glücksmomente im tristen Alltag des “Funktionieren-Müssens” verschaffte.

Während meiner Zeit in der Klinik sagten meine Stationsschwestern immer: „Essen ist die Erotik des Alters.“ Und es stimmte. Je weniger die Menschen in der Lage waren, erfüllende Beziehungen zu leben und sich selbst überhaupt wahrzunehmen, desto mehr drehte sich ihr Tagesrhythmus ums (eher schlechte) Essen. Wurde in der Klinik nicht pünktlich das Krankenhausessen um 12Uhr serviert, äußerten viele Patienten sofort ihren Unmut.

Und wehe, jemand aus der Familie fällt aus den alltäglichen Essensroutinen heraus. Wenn plötzlich am Weihnachtstisch der Freund der Tochter erwähnt, dass er Vegetarier ist und nichts von der Gans haben möchte, bröckelt die Fassade bereits. Isst jemand vegan, ist das schließlich der absolute Supergau.

Am besten soll alles so bleiben, wie es ist: Schweinsbraten mit Kruste, Käse-Weizenbrötchen und Nutella-Pralinen. Und wenn ich ein wenig Bauchspeck habe, ist das eben so. Habe ich „plötzlich aus heiterem Himmel“ nach einer solchen jahrzehntelangen Ernährung Diabetes, ist das eben so. Dann „muss“ ich mir eben Insulin spritzen. Und wenn dann ausgerechnet bei mir von den Ärzten diagnostiziert wird, dass mein Knochen nekrotisch sei und mein Fuß amputiert werden müsse, muss ich das so hinnehmen. Das deutsche Krankenkassen-System hätte aber auch mehr Vorsorge-Untersuchungen bezahlen können, um das zu verhindern. Und so finde ich unzählige Gründe, um die Schuld ins Außen zu projizieren. Nur dort, wo die Hauptursache liegt – nämlich bei mir selbst- stelle ich mich blind und taub: Das sei doch völlig “unmöglich”, dass meine Erkrankungen mit der Ernährung zusammenhängen. Wir haben uns doch schon immer so ernährt und mein Vater hatte ja auch nichts…

Die gefäßchirurgischen Stationen sind voll von solchen Menschen. Menschen, die sich lieber einen Teil ihres Unterschenkels abnehmen lassen, als ihre falschen Ernährungs- GEWOHNHEITEN zu ändern. Eigentlich ein Wahnsinn.

 

Aus Gewohnheit wiederholen wir tagtäglich Dinge, die uns nicht guttun. Und obwohl wir sogar darum wissen, machen wir einfach weiter, weil wir den „Inneren Schweinehund“ nicht überwinden können. Schlechtes Essen zu sich zu nehmen, auch wenn gar kein Hunger besteht, ist da eines der Hauptpunkte.

 

Brauchen wir wirklich noch Fleisch?

Obwohl uns heute genügend Alternativen zur Verfügung stehen, denken die meisten Menschen weiterhin, sie bräuchten Fleisch um gesund zu sein.  Ich hatte vor 5 Jahren bereits versucht aus einem inneren Impuls heraus von einer normalen Ernährung auf vegan umzustellen, ein Experiment, welches ich nach 3 Wochen wieder beendete. Aus Gewohnheit – und weil mein Zahnfleisch damals darunter so richtig aufblühte und noch mehr zu bluten begann – heute weiß ich, dass es durch die massive Entgiftung kam und ich einfach nur hätte durchhalten sollen. Also fiel ich wieder zurück in alte Ernährungsriten, aß dann aber immer weniger Fleisch und Fisch.

Irgendwann fuhr ich auf der Autobahn entlang und hatte plötzlich eine Art Panikattacke. Ich fühlte Angst, Schmerz und Verzweiflung, die kaum zum Aushalten waren. Vor dem LKW, den ich gerade überholte, fuhr ein Tiertransporter – und ich wusste sofort, woher diese Empfindungen kamen. Was mich dann aber endgültig im Auto in Tränen ausbrechen ließ, war die Tatsache, dass der Transporter leer war. Und obwohl die Tiere kurz vorher im Schlachthof ausgeladen wurden, waren ihre Gefühle noch da. Es war grauenvoll und ich hatte es am eigenen Leib gespürt.

Seitdem habe ich nie wieder Fleisch oder Fisch angerührt. Mit der Zeit befasste ich mich tiefer mit dem Thema. Sah mir DVDs an (Unser täglich Brot, We feed the world, Taste the waste, Gabell statt Skalpell) und als ich nach einer längeren vegetarischen Periode auf die Missstände in der Milchindustrie gestoßen wurde, war vegan die einzige Alternative. Nicht, um irgendwelchen Krankheiten vorzubeugen, sondern aus einer ethischen Einstellung heraus. Dass sich dadurch auch meine Körper-Situation deutlich besserte, war ein angenehmer „Nebeneffekt“.

Es ist für mich auch eine Schizophrenie, zwischen Haus- und Nutztieren zu unterscheiden. Ich könnte meinen Hund nicht 6 Monate in eine kleine Box sperren und ihn dann schlachten, nur um ihn zu essen. Er ist ein Teil meiner Familie, ein Freund, den ich ohne Worte verstehe. Und so empfinde ich mittlerweile auch für die Kühe, Schweine und Rinder.

„Solange es Schlachthäuser gibt, wird es Schlachtfelder geben.“

Dies hat bereits Tolstoi gesagt. Und noch heute hat er Recht damit.

 

In vielen Bereichen der spirituellen Szene besteht die Meinung, dass es eigentlich egal wäre, was wir essen – die geistige Haltung sei das Entscheidende. Früher fand ich solche Aussagen natürlich toll. Im Nachhinein war das für mich wie eine Absolution. Ich dachte, ich könnte einfach so mit meinen schlechten Essensgewohnheiten weitermachen wie bisher und müsse nur meine “geistige Einstellung” zu Nutella, Nestlé und Bierschinken ändern. Und die Tiere würden das ja eh aus einer höheren Ebene als „Dienst am Menschen“ machen.

Es war genauso wie damals während meines Studiums, als der Prof. in meiner Arbeitsmedizin-Vorlesung meinte, alle Amalgam-Gegner seien Spinner. Da konnte ich mich beruhigt zurücklegen und musste mir keinen Gedanken um die Füllungen mehr machen. Und ich musste v.a. eines nicht: alles HINTERFRAGEN. Es war bequem. Ich musste mich nicht den Dingen stellen.

 

Wir alle wissen, wie es in der Nahrungsmittel-Industrie zugeht, aber die Masse der Bevölkerung ignoriert dies und macht weiter wie bisher – aus Gewohnheit und Bequemlichkeit. Es ist so viel einfacher zu glauben, dass die Kühe wie in der Werbung glücklich auf den Weiden stehen und totgestreichelt werden.

 

Für mich ist es heute wichtig, mich klar zu positionieren. Ich prüfe genau, was ich esse und v.a. wo ich es kaufe und welche Firmen ich mit meinem Kauf unterstütze. In der Industrie ändert sich niemals etwas über gutgemeinte Worte oder Aktionen, sondern nur über das Geld – also über den Umsatz. Und darüber entscheidet jeder mit seinem Kassenbon und dem Einkaufszettel.

Ebenso ist es nur wichtig was ich esse, sondern auch wie. Früher habe ich mein Essen meist nebenher “reingeschauffelt”. Heute genieße ich es und nehme mir Zeit. Und esse auch wirklich nur, wenn es für mich stimmig ist – dann aber mit großer Freude.

 

Ich esse nichts mehr aus Höflichkeit oder Gewohnheit. Und je mehr ich in den letzten Jahren meine Ernährung änderte, desto mehr veränderte ich mich selbst.

 

 


 

Nahrung Teil 1 – Wir sind, was wir essen

Ernährung und Nahrung – ein sehr heikles Thema, dass überall kontrovers diskutiert wird. In diesem Video schildere ich meine Wahrnehmung dazu und erkläre u.a., warum es für mich wichtig und wertvoll war, die ersten 30 Jahre meines Lebens viel Fleisch und Süßes zu essen, in den letzten Jahren eine Veränderung meiner Nahrungsgewohnheiten aber dringend nötig wurde.

 

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1 Kommentar

  • Antworten Rose-Maria Falter 6. November 2016 um 22:11 Uhr

    Liebe Katharina,

    DANKE, wenn ich es nicht wüsste, könnte der Artikel Deines Erlebens auch von mir sein.
    So bin ich aufgewachsen und die Reaktionen im näheren Umfeld waren ebenso.
    Es geht um Eigenverantwortung und den Blick über die übervollen Tellerrändern hinaus.

    Danke für Dein Engagement und jeder kann weitergeben, was ihm gut tut.

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