Arbeit und Berufung Gesellschaft

Kapitalvernichtung durch Pay What You Want

13. November 2016

In der letzten Zeit begegnen mir zunehmend mehr Internetpräsenzen, bei denen Beratungen nach dem “Pay What You Want”-Prinzip ( zu deutsch: Bezahle was du möchtest) angeboten werden. Während bei “Pay What You Want” wenigstens noch deutlich wird, dass immerhin ein Minimum für eine entgegengebrachte Leistung zu entrichten ist, wird es bei “Pay IF You Want” (Bezahle wenn du möchtest) noch konfuser. Solche Beratungen signalisieren mir folgende Botschaft: “Mein Coaching ist eher mittelmäßig und wahrscheinlich belanglos für dich. Sollte es dir zu meiner Überaschung doch weitergeholfen haben, darfst du mir gerne etwas dafür geben. Musst du aber nicht.”

 

Die angebliche soziale Komponente

Einige “Pay What You Want”- Befürworter argumentieren, dass es so viel “sozialer” sei und auch Menschen mit wenig Einkommen dadurch Zugang zu ihren Beratungen hätten. Nach meiner Erfahrung stehen allerdings jedem, egal wie dessen finanzielle Situation aussehen mag, immer Möglichkeiten offen, sich weiterzuentwickeln- sofern er dies möchte. Heute finden sich in zahlreichen öffentlichen Bibliotheken gute Bücher und viele kostenfreie Informationen können im Internet abgerufen werden.

Oft lese ich auch unterbewusste Rechtfertigungen, indem die Anbieter eines solchen Coachings anführen, dass jede Beratung eine andere Wirkung habe: Während für den einen das Angebot lebensverändernd sei, wäre es für einen anderen eher belanglos. Wenn ich aber bereits mit einer solchen Einstellung herangehe – in diesem Fall der subtilen Programmierung, dass meine Beratung “belanglos” sein könnte – wird sie es auch werden.

 

Verwirrendes Angebot

Ebenso bemerke ich zunehmend, dass die eigentliche Zielgruppe nicht klar angesprochen wird. Die gesamte Vorstellung der Beratung, auch deren Zweck und Ziel, werden nur unzureichend definiert und kommuniziert. Auf Interessenten wirkt es, als ob sie ein “Überraschungspaket” kaufen würden. Dies schreckt ab und lässt den Eindruck entstehen, dass die Berater selbst eigentlich gar nicht wissen, wen und was sie überhaupt “coachen” möchten und sollen. Sie bieten alles für jeden und verlieren sich dabei in einem Überangebot ohne wirklichen Tiefgang und erforderliche Klarheit, die für eine solche Arbeit aber zwingend notwendig ist.

“Bewirb dich für ein Coaching” ist auch eine eher irreführende Formulierung. Entweder ich biete die Beratung an und sie ist buchbar oder nicht. Die damit versuchte Suggerierung, dass nur “spezielle und handverlesene” Menschen es wert seien beraten zu werden (natürlich erst nachdem sie die Bewerbungs-“Prüfung” um das Gespräch – oder den Coaching-Platz – “bestanden” haben) ist letzten Endes nur Schall und Rauch. Seriöse Anbieter greifen nicht zu solchen Methoden.

 

Spenden

Auch Spenden-Aufrufe sollten differenziert betrachtet werden. Finden sich “Spenden”-Buttons und diverse Bitten um einen “Energieausgleich” auf einer Homepage, deren Betreiber überwiegend kommunizieren, dass sie am liebsten “alles verschenken” würden, zeigen sich eine Unmenge an inneren Verstrickungen und ungelösten Konflikten. Dem Ganzen liegt dann ein klares Wert- und Selbstverantwortungsproblem zugrunde.  Indem ich andere den Wert meiner Arbeit oder meines Produktes bestimmen lasse, gebe ich meine Eigenverantwortung dafür ab. Pay What You Want, Energieausgleich und auffällig platzierte Spenden-Buttons sind naiv-kindliche Strategien der eigenen Vermeidungshaltung – einer Meidung der eigenen inneren Größe und des eigenen Werts.

 

Überbetonung des inneren Kindes

In der Bibel heißt es sinngemäß: Werdet wie die Kinder, denn ihrer ist das Himmelreich. Dies bedeutet, dass sich auch jeder Erwachsene das Unschuldige bewahren sollte – die Ehrfurcht vor der Schöpfung, das Staunen und die Neugierde, das Geborgen-Sein und das Leben im Moment. Es bedeutet nicht, Konfrontationen und Herausforderungen zu meiden (u.a. auch die Konfrontation mit sich selbst) und die Augen vor der “harten und bösen” Welt der “Erwachsenen” zu verschließen. Will ich selbst nicht reifen, sondern sehne ich mich nach der Sorglosigkeit und dem äußerlichen Versorgt-Sein aus meiner Kindheit zurück, bin ich nicht in der Lage, auf Dauer eine erfolgreiche berufliche Selbstständigkeit zu realisieren – da meine innere Haltung nicht mit den angestrebten Zielen in einem erwachsenen System vereinbar ist. Ein lichtvolles Angestellten-Verhältnis wäre hier sicher die bessere Wahl.

Eine eigene Internetpräsenz benötigt Investitionen. Neben den Aufwendungen für Hosting und Design ist v.a. die Gestaltung der Inhalte zeitaufwendig. Betreibe ich meine Seite nun nicht nur als Hobby, sondern möchte auch im Rahmen eines Online-Business meinen Lebensunterhalt darüber bestreiten, bin ich darauf angewiesen, meine Produkte und deren Preis so zu kalkulieren, dass ich neben den monatlichen Investitionen in Homepage und Produktentwicklung auch genügend Geld zur Deckung meiner Lebenserhaltungskosten und Arbeitsstunden verdiene.

Letzteres ist aber unmöglich, wenn ich einerseits in einer ausgeprägten kindlichen Naivität und aus einem fehlenden Selbstwert heraus alles verschenken will, und andererseits verzweifelt bemüht bin, über Spenden, Energieausgleich und Pay What You Want-Angebote wenigstens ein Minimum an Einnahmen zu erzielen. Was bleibt sind Kapitalvernichtung, ein leeres Konto und ein tiefer Unmut – ungeachtet des enormen täglichen Arbeits-und Zeitaufwandes.

Blicke ich nun hinter die Fassade, spüre ich auch eine große Verzweiflung: Trotz “Abrackerns” und “Abstrampelns” kann der Kopf nur mühsam über Wasser gehalten werden, auch wenn doch alle gut gemeinten Ratschläge der Online-Business-Szene brav befolgt wurden. Was von den meisten aber übersehen wird, ist die Tatsache, dass vieles, was noch vor zwei Jahren funktioniert hat, bereits heute nicht mehr funktioniert. Bringen dann die alten, als so vielversprechend und leicht kopierbar verkauften Ratschläge keine sichtbaren Ergebnisse, entwickelt sich eine unterschwellige Wut darüber, hier getäuscht worden zu sein. Hinzu kommt eine große Angst, versagt zu haben – gepaart mit der Angst etwas, dass offensichtlich nicht funktioniert, in absehbarer Zeit dauerhaft beenden zu müssen.

Ein Freund, der auch Manager- und Verkaufstrainings durchführt, brachte es für mich in einem Gespräch sehr treffend auf den Punkt. Er fragte mich: “Warum sollen die Leute ausgerechnet bei dir etwas kaufen?” Ich antwortete zaghaft: “Vielleicht, weil meine Produkte die Besten sind?” Er schüttelte nur den Kopf: “Nein. Weil DU es bist. Sie sollen etwas kaufen wegen DIR.”

 

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